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Interview mit Gino Cremer zu „Das WordPress Praxishandbuch“

5 Aug. 2013 | Geschrieben von

Anfang August 2013 ist ein weiteres Buch zum Thema WordPress erschienen, herausgegeben vom Franzis-Verlag. Der Titel lautet „Das WordPress Praxishandbuch“, geschrieben hat es der (Ost-)Belgier Gino Cremer (Twitter). Ich war neugierig, wie sich sein Buch von anderen WordPress-Büchern unterscheidet, und was Gino sonst noch zu WordPress zu sagen hat.

Heinz Duschanek: Wie hast Du WordPress für Dich entdeckt? Mit welchen anderen CMS hast Du Dich sonst noch beschäftigt?

Gino Cremer

Gino Cremer

Gino Cremer: Wir waren mit unserer Agentur auf der Suche nach einem CMS, dass nicht nur eine größtmögliche Flexibilität bietet, sondern für den Endkunden extrem einfach zu nutzen ist. Vorher haben wir mit anderen CMS wie Contenido, Plone oder Redaxo experimentiert und unzählige weitere mehr oder weniger bekannte Lösungen. Doch kein CMS bot einen perfekten Mix aus Einfachheit und Zukunftsträchtigkeit. Plone war zu seiner Zeit sehr technisch, recht schwer für den Kunden zu nutzen und es fehlte die Community. Es war einfach ein totales Nerd-Produkt für Highend-Anwendungen. Für unsere Zwecke also Nonsens. Zudem war es sehr schwer im Unterhalt und wenn es ein Problem gab, gab es an die tausend mögliche Ursachen.

WordPress ist da ziemlich einfach gestrickt und man kann einem klaren Ablauf folgen um ein Problem zeitnah zu erkennen. Bei Plone tappte man oft wochenlang im Dunklen. Solange man das Problem nicht erkennt, braucht man von Lösungen gar nicht erst zu sprechen. Bei WordPress reichen oft wenige Schritte um herauszufinden, wo der Hase im Pfeffer liegt. Das ist fantastisch.

Licht und Schatten

Was sind die größten Vorteile von WordPress in Deinen Augen, was beeindruckt Dich?

WordPress bietet dank der riesigen Community für jedes Problem die passende Lösung. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen CMS war die Zielgruppe von WordPress der „normalsterbliche Blogger“, das war ein deutliches Plus. Dadurch waren sowohl die Kern-Entwickler des Systems als auch die Plugin-Entwickler stets auf Einfachheit bedacht. Irgendwo erinnert mich WordPress von Beginn an an Apple: Fokus auf Usability und Einfachheit; statt kryptischer Fehlermeldungen wird man tatsächlich mit Fehlern konfrontiert, die selbst ein „Normalo“ dechiffrieren kann. Und selbst wenn nicht, reicht ein Kopieren/Einfügen in Google um andere User ausfindig zu machen, die genau das gleiche Probleme ebenfalls haben – und vielleicht sogar bereits lösen konnten.

Den WordPress-Entwicklern geht es nicht um tausend Hebel und Schaltstellen, da wird jede Funktion hinterfragt und ausdiskutiert.

Als Anwender des Systems begeistert die Einfachheit, vieles ist sehr intuitiv und man hat schnell den Bogen raus.

Als Entwickler wiederum begeistert mich der logische Grundaufbau des Systems: Manches ist unter der Haube derart simpel, dass man sich fast denkt „Wie? Das war’s schon?“. Das macht ein tolles Produkt aus. Unsere Agentur kann mit WordPress jeden Kunden glücklich machen, bis dato ist mir noch kein unzufriedener Kunde begegnet. Ich würde sogar mal fast behaupten, dass sich die Kundenzufriedenheit in unserer Web-Agentur Pixelbar seit der Einführung von WordPress drastisch verbessert hat. Mit WordPress scheint es kaum Probleme und nur Lösungen zu geben, das ist ein guter Ansatz um Kunden zufrieden zu stellen.

Aber ich glaube in meiner Begeisterung schweife ich gerade ab und habe die Frage bereits beantwortet (lacht).

Gibt es etwas, worüber Du Dich bei WordPress unverändert ärgerst?

Ja, ich bin weiterhin der Meinung, dass WordPress auch ohne Zusatz von Plugins sicherer aufgestellt werden sollte. Natürlich, es gibt für alles Plugins, aber der Sicherheitsaspekt gehört meiner Meinung nach in ein System verankert. Die Installationsroutine ist mir ebenfalls ein Dorn im Auge. Die halbe Welt warnt davor Benutzernamen wie „admin“ zu wählen und was macht WordPress? Man schlägt den Benutzernamen einfach während der Installation vor! Die Logik muss man mir erstmal erklären. Es wäre den Entwicklern kein Zacken aus der Krone gebrochen per Zufallsgenerator einen x-beliebigen Benutzernamen vorzuschlagen. Und ein bis zwei Sätze Erklärung warum die Wahl des Benutzernames aus sicherheitstechnischen Gründen so wichtig ist, hätten ebenfalls nicht geschadet.

Stattdessen brüstet man sich mit einer blitzschnellen Installation. Kurz Durchatmen hilft. An dieser Stelle besteht meiner Meinung nach einfach Nachholbedarf, zumal mittlerweile 19% der weltweiten Websites durch WordPress betrieben werden.

Gute Plugins, schlechte Plugins

Gibt es auch Situationen, in denen WordPress ziemlich nicht die erste Wahl wäre? Wo hat WordPress noch Aufholbedarf?

Ein Schwachpunkt von WordPress bildet meiner Meinung weiterhin die Mediathek. Die Dateiverwaltung ist bei anderen Systemen bedeutend raffinierter gestrickt. Wer mit tausenden von Dateien jonglieren muss, bekommt in WordPress Spaß. Wer darüber hinaus seine Dateien nicht vernünftig benennt und mit Meta-Tags ausstattet,  kann nichtmal die interne Suchfunktion vernünftig nutzen. Hier fehlt weiterhin ein richtig gutes Plugin, um die Mediathek entsprechend um zu rüsten. Da bemerkt man noch den Blog-Unterbau im sonst recht erwachsen gewordenen CMS.

Segen und Fluch zugleich bei WordPress sind die Plugins: Jeder darf sich an der Entwicklung beteiligen und da die Lernkurve recht niedrig verläuft, hat man ein Plugin recht schnell auch mit Anfängerkenntnissen auf die Beine gestellt. Das ergibt in der Summe eine große Auswahl, doch die Qualitätsunterschiede sind enorm. Für Laien ist es fast nicht möglich Gut und Böse zu unterscheiden. Man kann allerhöchstens Qualitätskriterien mit auf den Weg geben. An dieser Stelle würde ich mir allerdings eine Art Zertifizierung oder ein Qualitätslabel der Kern-Entwickler wünschen. Für die Plugin-Entwickler wäre dies eine wichtige Auszeichnung, die für ihr Plugin spricht und für die Anwender wäre das eine ganz wichtige Stütze bei der Pluginsuche. Man könnte auch entsprechend nur nach „Certified Plugins“ filtern. Mal sehen was die Zukunft bringt.

Ideale, Träume, Visionen

Matt Mullenweg will WordPress zu einem voll entwickelten CMS (auch für e-Commerce) machen. Wie schätzt Du diesen Weg ein?

Ich habe natürlich den Release von WordPress 3.6. und die Entwicklerkonferenz in San Francisco sehr aufmerksam mitverfolgt. Manches machte mich in der Tat skeptisch. WordPress darf nicht den Fehler vieler Softwareprodukte begehen, nach den Sternen greifen und sich als „eierlegende Wollmilchsau“ präsentieren zu wollen. Die Entwickler sollten sich im Klaren sein, dass es nicht immer bergauf gehen wird. Auch WordPress wird seine Grenzen aufgezeigt bekommen. Das ist in der Softwarebranche oftmals wie ein reinigendes Gewitter zu begreifen. Nach dem großen Knall, Heulen und Schluchzen folgt meist ein guter Neuanfang mit der Reduktion aufs Wesentliche.

Ich hoffe natürlich, dass es bei WordPress gar nicht soweit kommt und man mit beiden Beinen fest auf dem Boden bleibt und sich weiter darauf konzentriert, ein hervorragendes Softwareprodukt zu entwickeln. Das ist bis dato auch der Fall und man sollte positiv in die Zukunft blicken (ohne Bodenhaftung zu verlieren). Dass man aber Ideale, Träume und Visionen hat ist ganz wichtig für die Entwicklung, in diesem Sinne muss auch mal ein bisschen Spinnerei dazwischen sein. WordPress hat eine sehr bodenständige Community, die die Kernentwickler und Führungsriege rechtzeitig in die Schranken zu weisen weiss sollte man vom rechten Pfad mal abweichen.

Früher hatte WordPress den Ruf, besonders leicht bedienbar zu sein. Stimmt das noch? Wie weit kann jemand damit kommen, der keine Ahnung von CMS, HTML, CSS usw. hat?

Buchcover "Das WordPress Praxishandbuch"

Das WordPress Praxishandbuch

WordPress ist immer noch sehr einfach zu bedienen. Wenn man als Entwickler ein paar Tricks und Kniffe kennt, kann man dem „Gast“ den Tisch genauso anrichten, wie er ihn sich wünscht. Auf Deutsch: Ich kann als Entwickler genau bestimmen, welche Funktionen und Optionen der Kunde nutzen darf und welche nicht. Das ist keine Freiheitsberaubung, sondern ein individuelles Anpassen der Oberfläche an das Know-How des Kunden. Auch ohne CSS- und HTML-Kenntnisse lässt sich WordPress einwandfrei nutzen.

Anders sieht es für Webdesigner aus. WordPress hat den Ruf so einfach zu sein, dass sich auch Grafiker ohne HTML –und CSS-Kenntnisse an das Systeme herantrauen, um Kunden-Websites aufzubauen. Leider stößt man hier dann sehr schnell an seine Grenzen. Da kann WordPress nichts dafür. CSS, HTML und grundlegende Kenntnisse im Bereich der Webtechnik sind essentiell, um professionelle Kunden-Websites aufzubauen. Das vergessen viele. Da wird dann in Photoshop schnell ein tolles Layout zurechtgeschustert und man wundert sich, dass es nicht mit zwei Klicks in WordPress zu integrieren ist. Es ist an dieser Stelle nicht abwertend gemeint, aber es ist am Ende einfach cleverer auf richtig gut aufgebaute kommerzielle WordPress-Themes zu setzen, die man dem Kunden entsprechend anpasst, statt sich selber an das „Theming“ zu geben.

Am Ende ist es auch eine Frage des Budgets. Kommerzielle Themes kosten rund 75 Euro. Wenn man CSS etwas beherrscht, kann man diese innerhalb weniger Arbeitsstunden individualisieren. Da hat der Endkunde doch einfach mehr von. Wer nun sehr regelmäßig Websites mit WordPress aufbauen möchte, sollte sich dann tatsächlich mehr mit der Technik und dem Unterbau befassen, um vollends individuelle Layouts auf die Beine stellen zu können. Für viele ist das aber einfach nur frustrierend.

Praxis-Beispiele, Tipps, Tricks

Es gibt ja schon eine Reihe von Büchern zu WordPress, darunter von so bekannten WordPress-Experten wie Vladimir Simovic oder Frank Bültge. Was unterscheidet Dein neues Buch von deren Büchern?

Als mich der FRANZIS-Verlag angesprochen hatte, ob ich nicht Interesse daran hätte ein WordPress-Praxisbuch zu verfassen, hab ich mir diese Frage zu allererst gestellt. Im Endeffekt geh ich genauso bei Kundenwebsites vor und frage den Kunden: „Was unterscheidet Sie von Ihrem Mitbewerber und was macht Sie so stark und wo liegen Ihre Schwächen?“. Es war also wichtig direkt Nischenthemen und Alleinstellungsmerkmale zu entwickeln. Dennoch sollte dem Leser möglichst alles geboten werden. Mein Buch ist weniger als Anleitung zu verstehen. Im Grunde soll es ein Buch sein welches vor lauter Praxis-Beispielen, Tipps und Tricks nur so strotzt. In vielen Dingen bin ich Realist und schildere dem Leser, dass es kein Wunder-Plugin für diese oder jene Aufgabe gibt. Beispiel Suchmaschinenoptimierung. Da ist Handarbeit gefragt und Zeitaufwand. Punkt. Ist so, also ran an den Speck und Ärmel hochkrempeln. Das Plugin kommt mit ins Boot und hilft, aber die Arbeit muss der Kunde machen.

Manche Bücher waren mir übrigens viel zu technisch und zu „nerdy“. Da sieht man nach zwei Seiten vor Nullen und Einsen den Wald nicht mehr. Ich lese gerne Fachbücher und wenn ich zwischendurch mal was zu lachen habe, liest es sich doch viel angenehmer. Das war mir sehr wichtig beim Schreiben. Die Bücher von Simovic und Bültge sind übrigens erstklassige Bücher. Sehr gute Bücher, die ich jedem nur ans Herz legen kann. Ich bin sowie kein Mitbewerber-Mensch. Alles ergänzt sich irgendwo. Der Leser soll sich nicht gegen den einen oder anderen entscheiden, sondern am besten einfach beide mal lesen. Ich garantiere, dass man danach doppelt so weit ist. Wir leben in einer Netzwerk-Generation, warum sollten mich Simovic und Bültge nicht auch unterstützen, wenn ich sie auch unterstütze. Let’s go Teamwork!

Vielen Dank!

Service

WordPress Praxishandbuch – Profiwissen für die Praxis: Installieren, absichern, erweitern und erfolgreich einsetzen

Autor: Gino Cremer
Verlag: Franzis Verlag GmbH
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3645602577
ISBN-13: 978-3645602570


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4 Kommentare

  • Georg Kremer schreibt:

    Ich gratuliere Dir zu Deinem Erstlingswerk Gino!

    Die im Praxishandbuch behandelten Themen sind zwar „Böhmische Dörfer“ für mich, aber ich habe keinen Zweifel, dass es eine wertvolle Hilfe für professionelle Nutzer sein wird.

    Wünsche Dir weiterhin viel Erfolg!

    LG,

    Jockel

  • Frank schreibt:

    Sehr schöne Aussagen! Danke für das Lob.
    Viel Erfolg und nur freundliche Kontakte daraufhin.

  • Natascha Ljubic schreibt:

    Wirklich ein tolles Buch vom Gino!
    Das perfekte Buch für mich als Fortgeschrittene, die noch ein paar gute Tipps gebraucht hat zum Thema Sicherheit und Backup!

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