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„Die großen Irrtümer sind ja banal“

10 Sep. 2010 | Geschrieben von

Michael VeselyMichael Vesely (Twitter, Facebook, XING) führt ein abwechslungsreiches Arbeitsleben, in dem das Internet und wesentliche Web-Plattformen immer wieder eine konstante Rolle spielen. Früher war Vesely IT-Manager, und hat sich durch seine kreativen Ansätze bei österreichischen Internet Service Providern und web-orientierten Unternehmen einen Namen verschafft. Heute betreibt er gemeinsam mit Adelheid Reisinger das Lokal Reisinger’s am Salzgries in Wien.

Selbstverständlich werden dabei etliche Social Marketing Register gezogen, die sich als sinnvoll herausstellen. Grund genug, Michael Vesely zu diesem Interview zu laden. Vesely spricht über die Möglichkeiten, die durch Services wie Foursquare oder Twitter geboten werden, über die großen Irrtümer im Social Media Marketing und den Stellenwert von Business-Websites im Social Media Umfeld.

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(6,4 MB, 13:23 Min.)

Transkription

Heinz Duschanek: Michael Vesely, Du bist einer der beiden Inhaber vom Reisingers in Wien, ein Lokal mit Spezialitäten. Die Tür ist gerammelt voll mit Plaketten und Marken, wie Foursquare, Qype, Zooners und so weiter. Hast du heute schon eingecheckt in Foursquare für’s Lokal?

Michael Vesely: Ja, selbstverständlich. Das mache ich eigentlich jedes Mal, wenn ich herkomme.

Es gibt viele solcher Location Based Services oder Social Media Plattformen, die auf Lokales spezialisiert sind. Foursquare ist eines davon, Gowalla ein anderes, Facebook wird beginnen mit Places. Beginnt so etwas relevant zu werden für Unternehmen wie Eures?

Durchaus. Und zwar nicht so sehr wegen des Check-ins allein, weil das hat es früher auch schon gegeben. Das hat nicht so sehr funktioniert. In dem Fall sind mehrere Sachen zusammen gekommen. Das eine ist, die Handys werden immer smarter im wahrsten Sinne. Die können dich wirklich lokalisieren. Früher hast Du Dir das mühsam raussuchen müssen, aber jetzt mit dem Assisted GPS finden sie Deine Location relativ flott. Die Datenübertragung funktioniert eigentlich auch schon relativ stabil. Das Dritte ist, dass man offensichtlich auch ein bisschen besser versteht, wie diese Social Media Geschichten funktionieren, was der Kick dabei ist.

Der eine Kick ist natürlich, dass du Belohnungen bekommst. Bei Foursquare bekommt man diese Abzeichen, diese Badges, bei Gowalla bekommt man irgendwelche Items, die Du sammeln kannst. Und die Relevanz dabei für uns sind zwei Sachen: das eine ist, die meisten dieser Social Media Location Based Services haben jetzt auch schon etwas dabei, mit dem du Recommendations abgeben kannst. Du kannst Empfehlungen, Tipps abgeben.

Foursquare: Check In at Reisinger's

Also bei Foursquare gibt es eben genau diese zwei Kategorien: ein Tipp und ein To Do. Und das hilft schon bei der Entscheidung ein neues Lokal auszuprobieren oder irgendwohin zu gehen mit Freunden. Es sind ja viele Faktoren dabei relevant, wie ist der Preis, und die Lage, und die Nähe, und, und, und. Aber eines solcher Kriterien ist sicher auch die Bewertungen auf solchen Plattformen auf denen du dich bewegst.

Beschäftigungstherapie für Gäste

Benutzt ihr andere Online-Marketing Instrumente auch noch? Der Klassiker schlechthin ist Google AdWords, es gibt Bannerschaltungen, und mehr. Spielt das für ein Lokal wie Eures keine Rolle mehr?

Also ich verwende das gar nicht. Ich hab einmal kurz damit gespielt. Ich hab tatsächlich auf Facebook eine Facebook Werbung geschaltet, nur um zu sehen ob das irgend eine Auswirkung hat auf die Anzahl der Fans die wir dort haben. Das war eher irrrelevant. Und ich wüsste auch nicht, was ich damit tun sollte, weil ich habe ja kein Angebot, das man gleich online einlösen kann. Ich glaube nicht, dass es relevant ist für Lokale.

Wird es also auch keine Facebook Fanpage geben vom Reisinger’s?

Oh ja, es gibt eine Facebook Fanpage vom Reisinger’s. Wir haben dort etwas über 300 Fans im Moment, und die funktioniert auch gut. Da gibt es auch praktisch täglich Dialog mit den Gästen oder mit Leuten, die eben nicht da sind.

Das heißt, die Fans werden quasi beschäftigt?

Genau. Man kann es auch als Beschäftigungstherapie sehen für Gäste, die derzeit nicht da sind. Aber im Wesentlichen ist es einfach ein permanenter Dialog.

Am kommenden Wochenende bist Du am Castlecamp. Das ist ein Barcamp mit Schwerpunkt Tourismus/Gastronomie. Es wird eine Session geben, über die größten Irrtümer in Social Networks bzw. im Social Media Marketing. Was sind denn wirklich so die allergrößten Irrtümer, die Firmen begehen?

Die großen Irrtümer sind ja wie alle große Fehler im Wesentlichen banal. Der eine ist, dass Du ohne Konzept startest, sondern einfach losstartest, Dir den Twitter oder Facebook Account anlegst und irgendetwas machst. Dasselbe, was du sonst auch brauchst, also ein konkretes Konzept und irgendwie ein Verständnis dafür, wofür dein Produkt oder deine Marke steht, das musst Du da haben.

Qualität der Interaktion, nicht Masse

Das zweite ist, dass es nicht die Anzahl der Fans oder Followers ist, sondern die Qualität der Interaktion, die notwendig ist. Masse ist es nicht, das ist sicher der zweite Fehler. Und der dritte, den alle, die das eine Zeit lang betrieben haben, schmerzhaft bemerkt haben, ist: es ist nicht billig. Nur weil das Anlegen dieser Seite oder des Accounts nichts kostet, heißt das nicht, dass das nicht à la longue trotzdem ins Geld geht. Du gibt’s halt nicht Geld aus für Coverage im Sinne von Media Spending, dass du irgendwo ein Plakat schaltest oder eine Annonce, aber du musst in head count investieren, weil irgendeiner muss das ja betreuen.

Heinz Duschanek: Ich hab nicht an der Tür einen Badge oder eine Plakette gesehen zu Twitter. Welche Rolle spielt denn Twitter eigentlich wirklich? Kann man sagen, dass das für Euch aus Marketing Sicht ein gutes Ding ist, und für andere Unternehmen nicht? Wie sieht es in Österreich eigentlich wirklich aus? Hat es (Anm.: Twitter) immer noch diesen Early Adopter Status oder ändert sich das langsam?

Die Sammlung wächst

Michael Vesely: Ich bin natürlich kein Experte in Twitterstatistiken, aber mein Eindruck ist schon der mit der Twitter-Population, also denjenigen, die über Twitter mit uns in Kontakt treten und relevant sind für uns, die wirklich als Gäste übrig bleiben: das geht nicht in dem Tempo voran, wie es bei Facebook der Fall ist. Ich sehe da nicht so eine stetige Steigerung.

Natürlich gibt es eine große Überschneidung zwischen Twitter und Facebook-Fans bei uns. Twitter hat für mich schon eine Relevanz. Ich hab das Gefühl, dass teilweise ein bisschen ein anderes Publikum dabei ist, weil – ich will das jetzt mal sehr keck ausdrücken – es ein bisschen an sprachlicher Intelligenz dazugehört, eine Botschaft in 140 Zeichen unterzubringen. Dieses Limit ist ja deutlich höher bei Facebook, da bringst du deinen Punkt immer rüber. Da kannst Du Dich einfach auslassen und zur Not noch alles Mögliche dranhängen an Links und Fotos. Es ist schon so, dass man führende Journalisten und Intellektuelle stark auf Twitter vorfindet.

Wenn ich meinen eigenen Workshops die Umfrage mache, wer kennt Twitter, wer nutzt Twitter, ist es aber ganz eklatant, dass zwar einige schon den Namen gehört haben, aber kaum jemand einen Account hat. Droht auch in den industrialisierten Ländern, in den technologisierten Ländern eine Zweiklassen-Gesellschaft?

Ja, die wird es sicher geben. Ich glaube, die gibt es jetzt schon. [Es gibt] die [Benutzer], die sich in diesen Social Media Bereichen bewegen und dort so zu Hause sind, dass sie keine massiven Fehler machen, und die das auch nutzen – beruflich wie privat, und [es gibt] die, die das nicht machen. Die Zweiklassen-Gesellschaft wird dann in den industrialisierten Gesellschaften nicht so sehr sein: der, der überhaupt ein Internet hat, und der der es nicht hat, sondern der, der in der Web 1.0 Welt geblieben ist und der, der sich in der Web 2.0- und 3.0- und x.0-Welt bewegt.

Die eigene Website unverändert ein must-have

Das allererste Tool im Online -Marketing war neben der E-Mail eigentlich die Website. Verliert die Website ihren Stellenwert im Online-Marketing auf Grund dieser vielen Möglichkeiten, die es jetzt gibt, wegen Facebook, Twitter, Youtube, Qype, was auch immer?

Nein, ganz im Gegenteil. Auf Tourismuskongressen hört man das immer wieder. Warum braucht eigentlich der Touristiker noch seine eigene Homepage, die Facebook Fanpage müsste eigentlich reichen. Weil da sind die Leute, da sind die Kunden, da hast du die Tools, da kannst du in den Dialog treten.

Nein, Du brauchst [die Website] trotzdem, und zwar aus mehreren Gründen. Der eine Grund ist ein ganz ein simpler. Gastronomie sowie Tourismus im Allgemeinen hat viel mit Emotion zu tun. Das heißt, Du musst das, wofür du stehst, dein Ambiente, die Art wie dein Lokal funktioniert, das musst Du transportieren können. Das kannst du mit Seiten wie Facebook, die doch sehr starr sind in ihrem Aufbau, mit ihren Farbschema, im Wesentlichen nicht. Also überall dort, wo du Emotionen – und jede Brand ist Emotion – transportieren musst, brauchst du etwas eigenes.

Das zweite ist, du brauchst einen Hub für all diese Social Media Geschichten. Wir sind bei Facebook, wir sind bei Twitter, bei Foursquare, Gowalla, Qype, Tupalo und wie diese Dinge alle heißen. Ich brauche irgendwo etwas, wo ich das zusammenfassen kann. Zum Beispiel die Bewertungen, die wir auf diesen Plattformen haben: wenn es nur eine Seite ist, auf der ich einfach Links setze zu all den Bewertungsplattformen. Diese Hub Funktion brauchst du zusätzlich, plus der Tatsache, dass es natürlich für SEO auch noch einen Sinn macht.

Ein Gläschen für den Bürgermeister

Wir haben mit Foursquare begonnen, hören wir mit Foursquare auf. Was gibt es für Specials für User, die jetzt Foursquare Bürgermeister [vom Reisinger’s] sind? Abgesehen davon, dass sie wahrscheinlich gar keine Chance haben Bürgermeister zu sein, wenn du selbst täglich eincheckst.

Gute Frage. Das war einer der Gründe, warum ich lange Zeit nur Gowalla benutzt habe zum einchecken und nicht Foursquare. Weil ich automatisch Bürgermeister geworden wäre und niemand eine Chance hätte. Seit einiger Zeit gibt es aber die Möglichkeit bei Foursquare, dass du die Ownership über eine Location beantragen kannst. Als Owner kannst Du Dich und andere Accounts als Employees kennzeichnen, und die zählen nicht mit. Ich kann seit ein paar Wochen einchecken bei Foursquare, ohne dass ich Bürgermeister werde. Das haben die sehr schlau gemacht.

Die Specials, die es bei uns gibt, sind ganz simpel. Sobald Du Bürgermeister wirst, spendieren wir Dir ein Gratis Getränk. Wie wir wissen, sind ja so kommunale Amtsinhaber dem Alkohol nicht ganz abgeneigt, und da ist das wahrscheinlich eine ganz eine nette Geste.

Und wenn du einen Tipp oder ein ToDo bei uns hinterlässt, also eincheckst und dann irgendetwas hinterlässt wie „Super Nachspeisen“ oder so, dann spendieren wir Dir auch ein gratis Getränk. Das ist übrigens eine Sache, die ich jedem KMU, das mit Bewertungsplattformen zu tun hat, empfehlen kann. Die Bewertungsplattformen wie Qype, Tupalo und Tripadvisor sind schon gut, es ist allerdings trotzdem nicht so einfach Kunden dazu zu bewegen, dort eine Bewertung abzugeben. Denn Du sitzt vor diesem Formular und siehst, dass von dir eigentlich ein ziemlich langer Text erwartet wird. Es wird erwartet, dass du umfangreich und umfassend bewertest, wie zum Beispiel bei uns der Service war, und die Speisen, und die Hintergrundmusik. Das schreckt meistens ab.

Bei Plattformen wie Foursquare, wo du einfach nur einen Tipp abgeben musst, wie z.B „Beste und größte Knödel von Wien“: das machst du schnell, das machst du unmittelbar. Es hat mittlerweile dazu geführt, dass ich dort in Summe mehr Bewertungen drauf habe, als auf den großen Bewertungsplattformen. Das kann ich wirklich nur empfehlen. Momentan ist es noch nicht suchmaschinenrelevant, aber das wird noch kommen. Ich vermute, dass es schon ein bisschen da ist, denn wenn Du eine Suche in Facebook machst nach „Restaurant Wien“ oder so, dann sind wir derzeit die Nummer eins dort. In Google ist Foursquare [dagegen] noch nicht so relevant, denke ich.


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