Podcast: Frank Bültge im Interview

Frank Bültge

Am Rande des Wordcamps in Berlin am 3. Juli 2010 konnte ich mit Frank Bültge (Twitter), einem der deutschen Spezialisten für WordPress, sprechen. Frank ist Autor von “Das WordPress-Buch” (Open Source Press), hat das Trainingsvideo “WordPress – Das umfassende Training” (Galileo Press) erstellt, führt einen Blog mit Schwerpunkt auf WordPress und Photographie, und hat das Berliner Wordcamp mitorganisiert.

Im Interview spricht Frank über seinen Weg zu WordPress, über sinnvolle Plugins für das System, was ihn manchmal verärgert, und über die mögliche Zukunft von WordPress.

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(4,3 MB, 8:57 Min.)

Transkription

Heinz Duschanek: Vielen Dank, Frank Bültge, für dieses Interview hier im Wordcamp in Berlin, obwohl gerade Deutschland gegen Argentinien [bei der Fußball-WM] spielt. Ich weiß das zu schätzen (Anm.: Deutschland besiegte Argentinien 4:0). Du bist Autor eines WordPress-Buchs, führst einen Spezialblog zum Thema WordPress und hast das Wordcamp hier mitorganisiert. Wie war eigentlich Dein Coming-out, wie hast Du WordPress für dich entdeckt?

Frank Bültge: Zur damaligen Zeit war WordPress gerade in der ersten Phase. Da habe ich WordPress ein bisschen entdeckt und habe es neben anderen Systemen ausprobiert, weil ich ein System gesucht habe, bei dem ich sehr einfach Inhalte publizieren kann und mich nicht ständig um irgendwas statisches kümmern muss. Früher war alles sehr viel statischer HTML – Code. WordPress war unter anderem bei diesen Systemen, und zur damaligen Zeit war es nicht unbedingt selbstverständlich, so leicht ein CMS aufzusetzen oder etwas ähnliches, etwas Blog-ähnliches. Sondern das waren meistens Perlskripte – sehr kompliziert.

WordPress war da schon geil. Dann bin ich bei Typepad und WordPress hängen geblieben. Das waren beides schöne Systeme. WordPress war in der Entwicklung viel schneller und mich hat diese Flexibilität begeistert. Ich habe dann angefangen damit zu spielen und habe gemerkt, dass WordPress der Wahnsinn ist. Damit kann ich ganz viel anpassen und das ist das, was ich am liebsten mag. Ich spiele einfach gerne damit und versuche irgendetwas zu realisieren.

Ich nutze WordPress, weil ich die Flexibilität schätze

Wo würdest Du es eigentlich einschätzen im Vergleich mit anderen Content Management Systemen? Oft stellen sich ja die Fragen: Was soll man jetzt nehmen? Es gibt Typo3, es gibt Drupal, Serendipity, Moveable Type und WordPress unter den Open Sources Themen – um das darauf einzuschränken. Wie viel Prozent aller Websites könnte man eigentlich mit WordPress umsetzen, wenn man wollte?

Schwere Frage. Aber ich glaube, man kann fast alles mit WordPress machen. Entscheidend ist wer es tut und wie gut er WordPress kennt. Schwächen sind definitiv zum Beispiel: Shops. Es gibt auch andere Schwächen, aber in erster Linie sehe ich die Stärken nicht in der eigentlichen Applikation, sondern in der Entwicklung. Also der, der sein Werkzeug beherrscht – und da ist es egal, ob es WordPress ist oder ein anderes – muss wissen, wo die Grenzen sind und wo er einhaken kann. Deswegen glaube ich, wir müssen es nicht auf die Applikation festlegen. Ich nutze WordPress, weil ich die Flexibilität schätze, aber es gibt auch andere Systeme, denke ich, wie zum Beispiel MODx. Die sind extrem flexibel, aber die waren einfach damals nicht da, als ich etwas gesucht habe, und so hänge ich immer noch ein bisschen da fest.

Wenn man Dir gegenüber sitzt muss man solche Fragen stellen, wie nach den wichtigsten oder meist geschätzten Plug-Ins für bestimmte Zwecke. Fangen wir einfach mit Mehrsprachigkeit an. Was drängt sich da eigentlich auf?

Also Mehrsprachigkeit ist immer ein sehr wichtiges Thema. Ich glaube, es wird auch noch wichtiger werden und auch WordPress hat dazu Lösungen. Man muss sagen, dass der Standard WordPress Aufbau, so wie man ihn herunterlädt und benutzt, dazu relativ schwach ausgeprägt ist, auch wenn er es kann. Man braucht entweder ein Plug-In oder etwas Eigenes. Aus meiner Sicht gibt es nur ein einziges Plug-In – WPML. Das wird auch von einem Unternehmen gepflegt und ist aber frei – Open Source. Das kann man sicher benutzen, aber man sollte sich im Klaren sein, dass man, wenn man ein Plug-In benutzt, sich in eine Abhängigkeit begibt und es keinen Weg mehr zurück gibt, zumindest nicht ohne Konsequenzen.

Meine Empfehlung hier wäre eher WordPress 3.0: die Multiuser-Funktion aktivieren, diese Multisites, und quasi jeden Blog in einer eigenen Sprache ausgeben. Dann kann man sehr schön splitten. Aber auch hier muss man sagen, dass man dann auch getrennte Backends hat. Es sei denn, man hat einen übergreifenden User, dann kann man hin und her springen. Man muss meistens ein bisschen Eigenentwicklung betreiben, um es wirklich schön zu machen. Aber man ist am Standard und hat keine Abhängigkeit. Ansonsten ist die einfache und schnelle Lösung dieses WPML Plug-In.

Gutes altes PHP-Kontaktformular

Eine zweite, häufig eingesetzte Funktionalität ist das Kontaktformular. Hier gibt es auch mehrere Plug-Ins. Was empfiehlst Du da?

Also wir schätzen bei Inpsyde vor allem sehr die Möglichkeit von Contact Form 7 und vor allem auch den relativ guten Code dort – sehr flexibel. Dies sollte man aber nur einsetzen, wenn man auch wirklich so flexible Kontaktformulare braucht. Das heißt,wenn man selbst oder der Kunde es möchte, dass man per Drag & Drop beziehungsweise per Klickfunktionalität etwas zusammen bauen kann, dann ist das toll. Ansonsten empfehle ich lieber ein statisches Formular, so wie wir es früher auch gemacht haben, ein PHP-Formular, sauber und ordentlich codiert, statisch in das Template gehängt und fertig. Das ist eine saubere Lösung und die funktioniert, und hat keine Nachteile.

Die dritte Funktionalität die natürlich immer gefragt ist von Kundenseite ist die Suchmaschinenoptimierung. Hier gibt es eine ganze Menge von Plug-Ins auf dem Markt. Wie kann man da die guten von den weniger guten unterscheiden?

Ich selber stehe so ein bisschen auf der Ebene – ich optimiere niemals via Plug-In die SEO Seite, muss ich dazu sagen. Das heißt, ich schiebe also jegliche Optimierung in das Front-End. Also dieses Theme ist so aufgebaut, dass es möglichst sehr gut Suchmaschinen-optimiert ist. Wobei ich dabei nicht an den letzten i-Tüpfelchen bastle. Weil auch ich bin gleichzeitig Besucher, auch wenn ich Entwickler bin. Entscheidend ist der Content. Ist der Content gut, sind alle anderen Werte vernachlässigbar. Also ich habe kein Plug-In, welches ich empfehlen kann, auch wenn WP SEO mit Sicherheit sehr gut ist. Vor allem ist  das Wissen, dass der Sergei hat und was er da einbaut, sehr ausgereift. Damit können nur wenige dienen, glaub ich, aber es gibt jetzt nicht das Plug-In, bei dem ich sagen kann: Das muss man haben. Entscheidend ist, was will ich tun.

Neuer Schub für WordPress

Jetzt ist WordPress 3.0 erschienen – nach langer Zeit eigentlich. Es hat doch ein bisschen länger gedauert als man gedacht hätte. Wie nahe ist WordPress jetzt eigentlich den Content Management Systemen, wie zum Beispiel Joomla gekommen? Ich glaube, dass viele Menschen WordPress nicht als vollwertiges Content Management System ansehen. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Jetzt hat sich doch einiges geändert. Ist man jetzt näher an Joomla und ähnlichen Systemen, wie auch Typo3, dran?

Typo3 werden wir wahrscheinlich nie erreichen. Diese Möglichkeiten, die Typo3 bietet, sind mit WordPress einfach nicht abzudecken. Es ist eine ganz andere Zielgruppe und ich vermute, wenn die finale Version von Typo3 raus kommt, dann ist sowieso alles anders.

WordPress deckt sonst, von meiner Sicht aus, den Markt ab. Joomla kann es mit Sicherheit dicke ersetzen, auch wenn ich den Leuten da vielleicht nahe trete. Aber die Stärke – zumindest aus meiner Sicht – ist, dass man WordPress als Anwender im Backend besser bedienen kann. Das ist aber rein meine persönliche Einschätzung.

Die neuen Möglichkeiten, die Du ansprichst, also die 3.0-Funktionalitäten, können WordPress im CMS-Markt nochmal weiter nach vorne bringen. Weil mit diesen Custom Post Types und der Taxonomie, wenn man sie erst einmal beherrscht – das ist was für Entwickler und nicht so einfach zum spielen, auch wenn es das mittlerweile per drag & drop gibt – kann man schon sehr viel machen. Hier könnte man beispielsweise wirklich sehr gute Auswertungen fahren, man kann Shops abbilden und vieles mehr. Ich glaube es war auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Ich glaube nicht, dass er für 3.0 schon reif war, weil ich glaube, dass dies auch der Grund ist, warum WordPress 3.0 sich so verschoben hat. Es waren zu viele Themen auf einmal.

Jetzt muss man einfach mal sehen, was sie jetzt machen. Sie wollen ja ruhiger werden und wollen erst mal alles in Reih und Glied aufbauen, sowie die Codes sauber gestalten und nicht wieder gleich fünf neue Funktionalitäten einbauen.

WordPress-Stärke Bildverwaltung und Mediathek

Das bringt die nächste Frage auf. Du bist wahrscheinlich näher dran an den Entwicklern in Amerika als andere Leute. In welche Richtung wird es denn weiter gehen? Was ist denn überhaupt geplant, als langfristig Strategie in den nächsten Jahren. Was wird WordPress 4 auszeichnen, was WordPress 5?

Wichtig vielleicht vorweg: wir sind immer genauso nah dran wie alle anderen im Netz. Die URLs liegen alle offen. Also Automattic und die Entwickler dahinter geben einem nicht mehr Infos als allen anderen. Klar, wenn man sich damit beschäftigt, hat man so gewisse Vorahnungen. Ich vermute, dass WordPress jetzt erst einmal ein bisschen ruhiger fährt in der Funktionalität, aber die Medien, das ist meine Vermutung, die werden ausgebaut. Das heißt es wird sehr viel mit den Bildern und Video entwickelt – in dieser Ecke wird viel passieren, glaube ich. Da wird man mehr machen wollen, weil diese Mediabibliothek, diese Bilderverwaltung, ist eigentlich eine Stärke, die bei anderen Systemen viel zu kompliziert ist in der Bedienung. Das wissen die Jungs, und ich glaube, da kommt was.

Developer-Ignoranz

Heinz Duschanek: WordPress hat viele großartige Dinge, die viele Kunden überzeugen. Ihr verkauft ja auch viele WordPress-Websites oder zumindest Installationen oder Konfigurationen. Wenn man sich so intensiv mit WordPress beschäftigt: gibt es eigentlich Dinge, über die man sich nach wie vor maßlos ärgert? Wo man sich denkt: kann denn das wahr sein, gibt es das immer noch? Dass dies immer noch da ist?

Frank Bültge: Ja, gibt es auf jeden Fall. Was mich immer sehr aufregt und dann auch ärgert ist, wenn man sehr viel in dem Forum rührt und auch Tickets einreicht…. Oft stört mich schon ein bisschen die Ignoranz der Entwickler. Vielleicht muss das auch so sein, die bekommen sehr viel und sie sind auch wahrscheinlich einfach irgendwann mal satt, aber die Ignoranz gegenüber der Mehrsprachigkeit, finde ich, könnte durchaus abgestellt werden und man könnte dadurch viel herausholen.

Aber man muss sich seine Lorbeeren sehr stark bei Automattic verdienen, bevor man da was „einkippen“ darf. Das ärgert mich dann schon. Also das heißt, amerikanische Entwickler haben auf manche Dinge einfach eine andere Sicht. Da könnte man ruhig etwas flexibler sein und die Leute auch mal mitmachen lassen. Aber ansonsten muss ich immer sagen: Ich bin dankbar für ein freies offenes System, mit dem ich sehr viel machen kann und das sollte man nie vergessen.

Das ist ein großartiges Schlusswort. Vielen Dank.

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  1. [...] This post was mentioned on Twitter by Sergej Müller and Heinz. Heinz said: RT @ewerkstatt: Neu im Blog: Interview mit Frank Bültge – http://wp.me/pDLwF-gq #bueltge #wordpress #podcast [...]

  2. [...] Gerth hat ebenfalls einen Artikel zum Camp verfasst und Heinz Duschanek von der E-Werkstatt hat ein Interview mit Frank Bültge online gestellt, welches auf dem WordCamp entstanden [...]

  3. [...] 3.0 WP-Plugin: Maintenance Mode 100 Millionen Plugin-Downloads WordCamp 2010 Review und Review 2 Frank Bültge im Interview Vaultpress startet Beta-Test WordPress 3.2 Voraussetzungen WordPress vergleichsweise sicher [...]

  4. [...] Podcast: Frank Bültge im Interview July 2010 3 comments [...]

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